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Die grausigen und
bezaubernden Objekte von Daniel Pešta in Venedig

Palazzo Bembo, Venice 9/5/2015 – 22/11/2015

VENEDIG –  Bis Ende November dauert die größte internationale Kunstschau noch – die Biennale im italienischen Venedig. Während die nationalen Pavillons – ob gewollt oder ungewollt – die Kulturpolitik der einzelnen Staaten repräsentieren, wird das plastische Abbild der zeitgenössischen Kunst durch sog. Collateral Events – das stadtweite Begleitprogramm – abgerundet. Auf der renommierten Ausstellung Personal Structures ist die Tschechische Republik durch Daniel Pešta und seine Projekte „Verkündung“ und „Aufzeichnungen eines nächtlichen Kopfes“ vertreten.

Das Motto der diesjährigen Biennale lautet Alle Zukünfte der Welt (All The World Futures). Es handelt sich um ein Thema, das auch in den Werken verschiedener Künstler außerhalb der offiziellen Show anklingt. Zu ihnen gehört Daniel Pešta, der sich durch seine subjektiven Vorstellungen, Träume und Alpträume eine globale Vision der Zukunft der Menschheit erarbeitet hat. Und diese Vision ist nicht sonderlich erfreulich. Schon beim Betreten von Peštas Ausstellung im Palais Bembo am Fuße der Ponte Rialto begrüßt den Besucher ein doppelköpfiges Kalb. Der liebenswürdige Mutant aus zerbrechlich-weißem Wachs betrachtet mit einem Kopf das Bild eines regungslos daliegenden Wesens männlichen Geschlechts. Auf seinem möglicherweise toten, vielleicht auch nur schlummernden Körper schlüpft bereits der Keim neuen Lebens. Ist das ein Versprechen neuer Daseinsformen, die nach uns kommen werden? Ist es ein Zeichen für den definitiven Untergang biologisch bedingter Gesetzmäßigkeiten, die Prophezeiung des Endes der Wissenschaft, die von keiner anderen Religion mehr ersetzt wird?

Der anderen Kopf des Kalbs – gleichzeitig bezaubernd und grausig – betrachtet einen gläsernen Sarkophag, in dem eine zierliche Mumie liegt. Unter dem Wachstuch zeichnet sich klar eine Dornenkrone ab, die im Zusammenspiel mit der Position des steifen Körpers andeutet, dass es sich um Christus, vom Kreuz abgenommen, handelt. Die bekannte Silhouette stört jedoch Jesu schwangerer Bauch – die Verkündung einer neuen Hoffnung, die eine völlig andere Gestalt haben kann, als wir uns je vorstellen konnten.

Daniel Peštas Schaffen basiert auf dem Prinzip der Traumpoetik – er arbeitet mit allgemein bekannten Symbolen, die er gleichzeitig leugnet und mit einem neuen, umstürzlerischen Sinn versieht. Er fesselt den Betrachter mit beunruhigend vertrauten Bildern, die jedoch nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Diese Logik wird auch in seinen Aufzeichnungen eines nächtlichen Kopfes angewendet, die im zweiten Teil der Ausstellung installiert sind. Es handelt sich um transparente Harzquader, die nicht viel größer als ein Traumtagebuch sind. In sich überlappenden Schichten, die die zeitlichen Ebenen der Geschichte symbolisieren, sind darin verschiedentlich bearbeitete Fotografien aus Familienalben eingelassen. Bei manchen deformiert der Künstler die Gesichter durch Malereien, andere sind zusammengerollt und mit einem rotem Faden fest umwickelt, mit dem an anderer Stelle ein Maulkorb oder eine Maske geschickt ins Gesicht gestickt wurde. Die Menschen schreien durch sie etwas heraus, wodurch sie gleichzeitig das Material einatmen, in dem sie für immer gefangen sind. Sie erzählen davon, wie sie mundtot gemacht wurden, sich nicht dem eigenen Schicksal entgegenstellen konnten, von der Machtlosigkeit, aber auch von Leidenschaft, Erotik, Angst und Tod.

Die Maulkörbe und Masken sind Elemente, die Peštas Schaffen schon viele Jahre prägen. Sie dominierten auch in seinem Projekt I was born in your bed, das er während der Biennale 2013 in Venedig präsentierte. Damals sprach ihn der Kurator der Personal Structures, Rene Rietmeyer, an und lud ihn zur Zusammenarbeit ein. Daniel Pešta ist als einer von hundert Künstlern aus vierzig Ländern an diesem Projekt beteiligt. Im Palais Bembo und im Palais Mora stellen gemeinsam mit ihm Künstler wie Yoko Ono, Herman Nitsch oder François Morellet sowie junge, aufsteigende Künstler ihre Werke aus. Alle stellen sich der Kommission nur durch ihr eigenes Werk und eigene Texte vor, nicht durch eine Galerie oder einen Kurator. Dadurch bietet die Ausstellung ein unverfälschtes, gradliniges Abbild der modernen Kunst, das von Konzeptformen über Videos und Performance bis zu klassischen Medien reicht, die aus der offiziellen Sektion der Biennale Venedig praktisch verschwunden sind.

 

http://www.lidovky.cz/desive-i-okouzlujici-objekty-daniela-pesty-v-benatkach-pgf-/kultura.aspx?c=A150724_131117_ln_kultura_hep

 

Mehr:

 http://www.danielpesta.com/

http://www.palazzobembo.org/

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